Schatten

Argumentieren gegen Albträume

September 7, 2015

by — Posted in Tel Aviv

Wie willkommen sind Menschen jüdischen Glaubens in Europa? Zwischen der Wahrnehmung in Europa und in Israel herrschen Unterschiede. Ebenso zwischen den Generationen innerhalb Israel selbst. Das Gespräch hier ist eines der traurigsten, dass ich je hatte.

Schatten
Schatten der Vergangenheit lassen sich schlecht wegdiskutieren, sie sind da, auch wenn die Zeit voranschreitet.

Mein Gegenüber ist etwas über 60, in Israel geboren. Einige seiner Angehörigen sind im zweiten Weltkrieg durch die Nazis umgekommen. Wir sprechen davon, dass noch immer Juden aus der ganzen Welt nach Israel einwandern und  ich sage: «…Die Juden, die aus Europa nach Israel auswandern, sind oft die Religiösesten. Für die Gemeinden ihrer Herkunftsländer ist ihr Wegziehen ein Verlust.»

Das sei richtig, meint mein Gesprächspartner, und fügt an, auch die gesamte Gesellschaft verliere von ihrer Vielfalt. Um dann fortzufahren: «Es mag eine subjektive Frage sein, sie stellt sich mir. Hat sich Europa mit dem Holocaust einen Traum verwirklicht?» Er erzählt, dass man gegen Ende des Krieges in Warschau gemunkelt habe, der Massenmord durch die Nazis an den Juden sei nicht gut, aber es müsse dennoch eine Lösung geben, die Juden zum Weggehen zu motivieren. «Ist der Traum, die Juden loszuwerden, wahr geworden, nun da mit Israel die Möglichkeit zum Auswandern besteht?» fragt er.

Mir bleibt der Mund offen

Für einen Moment weiss ich nicht wo anfangen, was sagen. «Nein, das stimmt nicht!», fasse ich mich schliesslich. «Die Öffentlichkeit in Europa ist sich der Last der Geschichte bewusst, Vorurteile gegen Juden werden nicht akzeptiert.» Es gebe ab und wann negative Äusserungen gegen Juden, aber sie bildeten die Ausnahme. «Und nicht jedes Hakenkreuz ist Ausdruck überzeugten Antisemitismus. Manche Lausbuben nutzen es als Provokation ohne seine Bedeutung zu erfassen. Antisemitismus in den 1920 und -30ern war oft aus Fremdenangst motiviert», sage ich, «heute ist eine andere Zeit als Polen zu 1942. Unsere Gesellschaft ist sich bewusst, dass eine Diskriminierung aufgrund der Religion eines Menschen nicht angeht.»

Mein Gegenüber lässt meine Argumente gelten. Aber um sie geht es nicht. Es geht um das Gefühl, das Nicht-Rationale, das Nicht-Fassbare. Wie das Trauma des Holocausts nicht fassbar ist, seine Schatten sind noch immer da.