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Was Tel Avivs Alltag wirklich prägt

September 30, 2015

by — Posted in Tel Aviv

Nicht die Weltpolitik, nicht die reiche Historische Vergangenheit, es sind vermeintliche Kleinigkeiten die das Lebensgefühl einer Stadt bestimmen. So auch in Tel Aviv. Hier sieben Details, die in der Berichterstattung über die Stadt gerne vergessen gehen.

1. Es ist heiss.

Noch im September fällt die Temperatur auch nachts kaum unter 25 Grad, tagsüber sind 34 Grad Celsius üblich, 30 fühlen sich ganz angenehm an. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei gefühlten 120 Prozent. Die Bewohner Tel Avivs begegnen der Hitze mit Klimaanlagen. Und noch mehr Klimaanlagen. Im Schlafzimmer, im Bus, im Supermarkt, im Büro, im Restaurant und im Club. Ein normaler Tag in Tel Aviv verheisst Klima-Kneipen zwischen heisser Strasse und kalten Innenräumen.

2. Die Sonne geht um 18:30 unter

Eine Stunde später herrscht pechschwarze Nacht. Nein, keine sanfte Dämmerung, die nicht weiss, ob sie wirklich dunkel werden will oder lieber noch etwas hell sein möchte. Finsternis ist angesagt. Mit dem Untergang der Sonne verabschiedet sich das Zeitgefühl interessierter Besucher der Stadt. Um 20 Uhr könnte es ebensogut 3 Uhr morgens sein.

3. Die Woche beginnt Sonntags

Das Judentum zählt den Samstag als Ruhetag. Der Freitag gilt wie bei uns der Samstag als arbeitsfreier Tag mit geöffneten Läden, der Sonntag wiederum ist ein normaler Wochentag.
Jedoch ist der israelische Samstag nicht einfach gleich dem Sonntag bei uns. Zum einen beginnt er mit dem Sonnenuntergang am Freitag und endet mit dem Sonnenuntergang am Samstag. Zum anderen sind nicht wie in der Schweiz nur die Geschäfte geschlossen. Es fahren auch keine Busse, Flugzeuge bleiben am Boden, geöffnete Restaurants muss man mit der Lupe suchen. An hohen Feiertagen bleiben sogar Hotels geschlossen.
Wochenendausflüge werden so zur planerischen Grossleistungen. Bis wann fahren da die Busse? Sind die Hotels übers in der Zeit geöffnet? Ab wann fahren die Busse wieder? Kommen wir je von da zurück?

4. Tel Aviv ist westlich

Der Kleiderstil der Bewohner Tel Avivs ist jener einer durchschnittlichen Schweizer Stadt im Sommer, möglicherweise etwas lockerer und freizügiger. Hier spaziert auch mal ein Surfer oben ohne in ein Supermarkt, das Surfbrett unter dem Arm. Das öffentliche Verkehrsnetz ist gut ausgebaut, die Strassen nachts sicher.
Ab und an wirkt die Homogenität der Bewohner Tel Avivs etwas künstlich. Auf den Strassen der Stadt gibt es weniger Menschen dunkler Haut als in Zürich, falls doch, sammeln sie Müll ein oder chauffieren Taxis. Frauen mit Kopftuch gibt es so gut wie gar nicht zu sehen, aber auch Männer mit Kippa  sind selten, orthodox gekleidete Menschen noch rarer.

5. Technischer Fortschritt bedeutet nicht unbedingt Globalisierung

Tel Aviv hat mehr Wolkenkratzer als Zürich, Basel, Genf und Bern zusammen; an jeder zweiten Strassenecke gibt es offene W-Lan Hotspots; Taxis lassen sich per App bestellen. Riesige Shoppingcenter, fünfspurige Autobahnen mit Fussgängerstreifen, oft wirkt die Stadt von amerikanischen Vorbildern inspiriert.
Das heisst aber nicht, dass sie sich fest im Griffe der Internationalen Warenketten befindet. Im Gegenteil, die wenigsten Nahrungsmittel- und Modegeschäfte sind in Ketten zusammengefasst. Jede Quartierstrasse hat ihren eigenen Tante-Emma-Laden. No-Name-Boutiquen verkaufen Kleider, die auch Sortiment von C&A und H&M auftauchen könnten aber präsentieren sie assortiert wie Secondhand-Geschäfte. Auf die ganzen Stadt mit ihren 400 000 Einwohnern kommen elf McDonald’s Filialen. Zahl der Starbucksläden: Null.

6. Säkular ja, religiöse Fettnäpfchen auch ja

Touristen, das sind die Menschen, die kein Hebräisch sprechen und im falschen Moment nach Parmesan fragen. Etwa: «Darf ich Parmesan zu meinen Ravioli haben?» – «Nein, wir sind koscher.» Da spielt es keine Rolle, dass ich selbst in einer koscheren WG wohne, die koscheren Essvorschriften kenne und das Restaurant nicht angegeben hat, dass es koscher ist.
Ebenfalls schlecht ist, an Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertrag, den Rezeptionist eines Hotels zu fragen, ob dessen Bar geöffnet sei. Antwort: «Nein, es ist Yom Kippur.» In beiden Antworten schwingt der Vorwurf mit, dass ich nicht weiss wie Israel sein jüdisches Erbe in die Praxis umsetzt.
Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass beide Szenen in männlicher Begleitung geschahen. Alleine oder mit ebenfalls blonder weiblicher Gesellschaft wurden mir dumme Fragen wesentlich wohlwollender beantwortet.

7. Tel Aviv ist Vorzeigestadt für Bauhaus-Architektur

Bauhaus, grob zusammengefasst, ist simpel, klar und verspielt. Und schön. Eckige Formen sind bewusst kantig gesetzt, Simse stehen hervor, Balkone wiederholen von Fenstern angedeutete Motive, oder brechen sie bewusst. Runde Formen stehen daneben, Ausdruck des Selbstbewusstseins der Architekten. «Seht, wir haben unseren Bauklötze aus der Kinderstube mitgebracht und bauen jetzt in Grossformat.» Und das Resultat kann sich sehen lassen.
Etwa 4000 Gebäude in Tel Aviv werden zum Bauhausstil gerechnet. Viele neuere Gebäude sind von ihm inspieriert, zitieren die Nachbarhäuser direkt. Seit 2003 gehört «die Weisse Stadt» zum Unesco Welterbe. Zu recht. Ein Spaziergang durch die Strassen fühlt sich an wie einer durch eine lebende Ausstellung: Begleitet von Ohs und Ahs weisen meine Begleitung und ich uns auf besonders gelungene Bauwerke hin. Eine Freude.

Noch viel schöner hingegen wäre das Spazierengehen, erweckten nicht viele Bauten den Eindruck, nächstens in sich zusammenzufallen. Seit seiner Gründung 1909 ist Tel Aviv so rassant gewachsen, dass neue Gebäude oft zwar schön designt aber auch schnell und billig gebaut wurden.